"Liebling, ich schau Dir nicht beim Sterben zu."
Was Angehörige tun können und WAS NICHT.

"Liebling, ich liebe Dich, aber ich schau Dir nicht beim Sterben zu.
Wenn Du Dich unbedingt umbringen musst, bitte! ABER OHNE MICH!"

Das saß.
Diese Worte, gesprochen von einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben, rüttelten mich wach.
Diese Worte erinnerten mich an den Ernst der Lage. Erinnerten mich daran, dass mit einer psychischen Erkrankung nicht zu spaßen ist. Dass ich tatsächlich gerade dabei war, mich zugrunde zu richten.

Diese Worte an diesem herrlich sonnigen Freitag Abend im August werde ich nie vergessen. Diese Worte rüttelten mich wach – mal wieder…
Denn so schwierig das Wachrütteln war, so leicht war das Vergessen…

Ich war so verdammt geübt darin, das Ausmaß meiner Probleme gekonnt auszublenden.
War ich doch so leistungsfähig, so diszipliniert, so erfolgreich. Da konnte man diese "kleine Störung" schon mal vergessen. Verdrängen. Innerlich klein reden.

Was sich manche Menschen vormachen, macht ihnen so schnell keiner nach.

— Gerhard Uhlenbruck

Kognitive Dissonanz

Ganz ehrlich – es WAR tragisch.
Ich spielte mit meinem Leben.
Ich war dabei einen Marathon zu laufen. Mit zwei gebrochenen Beinen. – Also im übertragenem Sinne!
In der Realität lief ich in dieser Zeit "nur" Halbmarathons. Und letztlich brach ich mir nicht die Beine, sondern die Hüfte. – Aber zurück zum Thema.

In der Rückschau sehe ich: Ich habe viel zu lange gewartet. Habe viel zu lange die Augen verschlossen, mir die Situation viel zu lange schön geredet.
Warum?

Die Wissenschaft sagt, Schuld ist die kognitive Dissonanz.
Ein zu großer Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Mein Leben war nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war nicht so, wie ich es ERWARTET hatte. Nach all der Anstrengung, nach allem, was ich investiert hatte.
In meiner Vorstellung musste ich jetzt glücklich sein. Oder zumindest fast.
In Wirklichkeit war ich so weit von Glück entfernt wie nie zuvor.

Ja, ziemlich dissonanzig die ganze Sache…

Der Zustand der kognitiven Dissonanz ist für uns Menschen sehr unangenehm. Wir alle streben nach innerer Harmonie.
Die einfachste Möglichkeit diese herzustellen, den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu verringern, Dissonanzreduktion zu betreiben, wie Fachleute sagen?

Wir erschaffen uns eine Traumwelt.

Das Gabler Wirtschaftslexikon sagt, dafür gibt es 3 Strategien:

  1. 1. Wir nehmen bestimmte Informationen nicht wahr oder leugnen sie.
    So schob ich den plötzlichen Verfall meiner Zähne auf eine erblich bedingte schlechte Zahnsubstanz. In Wahrheit holte sich mein Körper DIE Mineralien aus meinen Zähnen, die ich ihm aufgrund meiner eingeschränkten Nahrungsauswahl verwehrte.

    Kognitive Dissonanz 1 : 0 Annas Realitätssinn

  2. 2. Wir ändern unsere Einstellungen oder unser Verhalten.
    Die meiste Zeit meines Lebens wollte ich meinen Körper beim Sport bestmöglich versorgen, um gute Leistungen zu erzielen. Jetzt redete ich mir plötzlich ein, mit einem unterversorgten Körper Sport treiben zu können, wäre die größere Leistung.
    Kognitive Dissonanz 2 : 0 Annas Realitätssinn
  3. 3. Wir beschaffen und interpretieren Informationen selektiv so, dass sie die Dissonanz reduzieren.
    Mein Newsfeed in dieser Zeit war voll von Artikeln über Höchstleistungen durch ketogene Ernährung oder intermittierendes Fasten, Verlängerung der Lebenserwartung durch geringe Nahrungszufuhr und Vererbung von Übergewicht durch Überversorgung in der Schwangerschaft.
    Danke an dieser Stelle auch an die künstliche Intelligenz und den lernenden Algorithmus, der mich in der Einschränkung meiner Weltsicht auf so treffliche Art unterstützte! *ironieoff*
    Kognitive Dissonanz 3 : … naja Du weißt schon.

Warum erzähle ich Dir das?

Weil es vielen Betroffenen, vielen Menschen in ernsthaften psychischen Krisen so geht.
Oft vor allem am Anfang. Nicht selten aber auch immer wieder. Fast wie in Wellen.

Mangelnde Krankheitseinsicht nennen das Ärzte und Therapeuten.
Absolut menschliches Verhalten zum Selbstschutz nenne ICH das gerne.

"Liebling, ich schau Dir nicht beim Sterben zu."

Dieses Mal war es anders.
Anders als die vielen vielen Male zuvor.
Dieses Mal machten die Worte zu genau diesem Zeitpunkt, in genau diesem Moment wirklich einen Unterschied, sie bewirkten etwas.

Wenn mir die Frage gestellt wird, was Angehörige tun können – und glaube mir, das passiert häufig! – antworte ich genau das:

Leider oft nicht viel.
Aber manchmal trotzdem das Entscheidende.

Was Du als Angehöriger NICHT leisten KANNST:

Das Wichtigste zuerst: Du kannst einen anderen Menschen nicht retten!

Du nicht und ich auch nicht.
Es ist schmerzhaft und manchmal grausam. Aber ein Mensch, der in Schwierigkeiten steckt und daran NICHTS ÄNDERN WILL, dem kann niemand helfen.
Wichtigste Voraussetzung also für das "Hilfe geben" ist, dass diese Hilfe auch gewollt ist. – Zumindest in den "lichten" Momenten. Zumindest, wenn die Welle gerade im Aufschwung ist.

Unabhängig vom Stand der Welle kannst Du einen Betroffenen nicht zu Hilfe zwingen. Was soll ein Arzt oder Therapeut schließlich tun, wenn der Patient jegliche Mithilfe verweigert, wenn ihm jegliche Einsicht fehlt? Wenn er die kognitive Dissonanz (noch) nicht akzeptieren, nicht ertragen kann und mit den oben aufgeführten Strategien reagiert?

Und, erneut, auch der Weg zur Einsicht ist nicht geradlinig. Die Bereitschaft, das Problem zu sehen, die Bereitschaft Hilfe anzunehmen kann und wird bei den meisten Menschen schwanken.
Je nachdem wie sich der oder die Betroffene gerade fühlt, wie leicht oder schwer es ihr/ihm gerade fällt, sich selbst und anderen die Krise oder das Problem einzugestehen.

BITTE sei also nicht verletzt oder wütend, wenn Deine Hilfe abgelehnt wird. Akzeptiere es. Für den Moment. Immer im Bewusstsein, dass ein neues Gesprächs- oder Hilfsangebot zu einem anderen Zeitpunkt wieder auf fruchtbaren Boden fallen kann.

Ja, Du kannst niemanden retten. Und ich auch nicht.
Wir können unterstützen, so gut wir können begleiten, aber retten – retten muss sich jeder selbst.

Du kannst die Last nicht alleine tragen.

Gerade am Anfang einer psychischen Erkrankung glauben viele Betroffene, "es alleine zu schaffen".
Sie kaufen sich Bücher und machen Pläne. Sie erzählen ihren Lieben was ich AB SOFORT und DAUERHAFT ändern wird. Sie strahlen Überzeugung aus. Weil sie überzeugt sind!

Meine Erfahrung zeigt: Viele solcher Bemühungen haben eine kurze Halbwertszeit. Wenn die Motivation aus dem eigenen Leidensdruck erwächst, ist die Halbwertszeit schon kurz. Noch kürzer ist sie, wenn die Änderungsbereitschaft aus Druck von außen resultiert.

Das liegt nicht daran, dass Betroffene schwach sind.
Es liegt daran, dass der Weg schwer ist, schmerzhaft. Und leider oft lange.

Da hilft es ungemein, nicht alleine zu sein. Da hilft es ungemein, Menschen zu haben, die den Weg mitgehen, die die Last mittragen. Menschen, die schonungslos ehrlich sind und aufzeigen, wenn die Dissonanzreduktion und damit die Leugnung einsetzt. Menschen, die schonungslos ehrlich sind, wenn sie sehen, wie die Motivation sinkt.

Ja, es braucht solche Menschen! Unbedingt!
Niemand muss es alleine schaffen.

ABER: Diese Menschen stehen besser außerhalb des Spielfelds. Außerhalb des Beziehungsspielfelds. Sie sind Berater, Ärzte oder Therapeuten. Sie sind besser nicht die Mama, nicht der Papa, nicht der Bruder, nicht die Schwester und auch nicht der Freund oder die Freundin.
Zu groß sind die emotionalen Verstrickungen, zu groß die Abhängigkeiten.

Das ist ein wichtiges Stichwort: die Gefahr der Co-Abhängigkeit. Ein Begriff aus dem Bereich der Sucht. Für mich besteht die Gefahr aber auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen.
Es besteht die Gefahr als Angehöriger, in der Absicht zu helfen, mit in den Strudel gezogen zu werden. Plötzlich instrumentalisiert von der Krankheit. Plötzlich nicht mehr zu wissen, ob etwas gerade wirklich hilfreich ist oder der Krankheit sogar noch in die Hände spielt. Thema sekundärer Krankheitsgewinn. (Oh ja, da kann ich ebenfalls ein Lied von singen! Details? Warum willst Du krank sein?) Thema Verstärkung schädlicher Verhaltensweisen. Die Erkenntnis ist hart und die Tatsache oft kaum aushaltbar.
Als Angehöriger darfst Du dem oder der Betroffenen die Verantwortung für sein/ihr Leben und die Krankheit nicht abnehmen.

Das darf ein Therapeut, Coach, Arzt oder Pädagoge natürlich auch nicht. Auch professionell ausgebildete Menschen sind nicht in der Lage jemanden zu retten (siehe Punkt 1).

Mehr noch: Auch professionell ausgebildete Menschen müssen immer wieder reflektieren, ob sie gerade dem Patienten oder der Erkrankung helfen. Auch professionell ausgebildete Menschen müssen sich permanent abgrenzen, müssen permanent innerlich wieder Abstand nehmen, um nicht emotional zu sehr belastet, zu sehr involviert zu werden. Doch Therapeuten, Coaches, Ärzte und Pädagogen haben (hoffentlich) keine persönliche Beziehung zum Patienten, weshalb diese Abgrenzung sehr viel leichter fällt. Und – vielleicht noch wichtiger – sie haben genau solche Themen (hoffentlich) in ihrer Ausbildung gelernt.

Deshalb mein Rat: Übernimm als Angehöriger nicht die Rolle des Therapeuten. Übernimm nicht die ganze Verantwortung. Auch nicht, wenn der Betroffene Dich bekniet, es gemeinsam zu schaffen.

Ihr könnt es gemeinsam schaffen! – Aber in den seltensten Fällen alleine.

Was Du als Angehöriger NICHT leisten SOLLTEST:

Du darfst Dich selbst nicht vergessen.

Wir alle sind nicht unendlich belastbar.
Einem Menschen in Not zur Seite zu stehen ist belastend. Es kostet Kraft.
Bitte gib diese Kraft nur, wenn Du sie wirklich hast.
Ist Dein eigener Kraft-Topf leer, kannst Du nichts geben. Tust Du es doch, geht das auf Kosten Deiner eigenen Gesundheit.
Und glaube mir: genau DAS ist eine der größten Ängste von Betroffenen. Die Angst Anderen zur Last zu fallen. Die Angst Andere zu belasten, ihnen mehr zuzumuten als sie ertragen können.

Du kennst das typische Bild der Sauerstoffmasken im Flugzeug. In einem Notfall setzt Du zuerst Deine eigene Maske auf, DANN hilfst Du Deinen Nachbarn. Deshalb meine Bitte: Akzeptiere Deine eigenen Grenzen. Versuche nicht Deine Liebsten mit Sauerstoff zu versorgen während Du selbst schon blau anläufst.
Niemandem ist geholfen, wenn ihr gemeinsam untergeht.

Und – mindestens genauso wichtig: KOMMUNIZIERE Deine Grenzen.

Niemand kann Gedanken lesen. Niemand kann in Dich hineinsehen.
Gerade ein Mensch in einer Krise tut sich doppelt schwer, vielleicht zaghaft gesetzte Zeichen und unterschwellige Nachrichten wahrzunehmen und richtig zu interpretieren. Er ist auf Deine Offenheit angewiesen. Er ist darauf angewiesen vertrauen zu können, dass Du Dich selbst schützt, dass Du nicht mit ihm untergehen wirst. Wenn er Deine Hilfe annimmt, muss er darauf vertrauen, dass er Dich nicht mit in den Abgrund reißen wird.

In meinen schwierigsten Zeiten habe ich mich nur den Menschen anvertraut, bei denen ich mich genau darauf verlassen konnte. Ich habe mich nur Menschen anvertraut, die ihre Grenzen klar (wenn auch freundlich und empathisch) kommunizierten. Menschen, denen Selbstfürsorge kein Fremdwort war.

Klarheit. Offenheit. Wertschätzende Ehrlichkeit.
DAS benötigt ein Betroffener von seinen Angehörigen.
Nicht die Abnahme von Verantwortung. Keine Watte. Keine Beschönigungen. Keine Leugnung.

Ob das leicht ist?
Mit Sicherheit nicht!

Aber wichtig.

Dir erscheint das alles unmenschlich? Nicht zu schaffen? Dir erscheint diese gesamte Thematik zu komplex? Du hast das Gefühl, egal was Du tust, es kann nur falsch sein?
Das ist völlig normal.
Niemand sagt, dass es leicht ist, dieser Schluckauf der Seele.
Für Betroffene nicht.
Und ebensowenig für deren Freunde, Kollegen und Angehörige.

Es ist okay.
Es ist okay, überfordert zu sein. Es ist okay sich schwach zu fühlen.
Es ist okay Dir Hilfe zu holen. Die meisten Beratungsstellen und Hilfsangebote kannst Du auch als Angehöriger aufsuchen. Um Deine eigenen Gedanken und Gefühle zu besprechen. Oder auch um Hinweise für den Umgang mit dem Betroffenen zu erhalten.

Es ist okay.
Hilfe annehmen ist keine Schwäche, es ist eine Stärke.

Das gilt auch für Dich.

Eine gute Schwäche ist besser als eine schlechte Stärke.

— Charles Aznavour

Bevor ich es vergesse: Die Welt ist natürlich nicht nur grau!
Du KANNST als Angehöriger natürlich auch etwas tun! Manchmal sogar das Entscheidende, wie meine eigene Geschichte zeigt.

Wenn Du auch darüber mehr erfahren willst, lege ich Dir meinen nächsten Beitrag ans Herz.
Doch den schaffe ich heute leider nicht mehr. Ich muss erst kurz die Welt – ach ne, MICH SELBST retten…

Links in diesem Beitrag:
Zum Blogbeitrag: Warum willst Du krank sein? – welchen Gewinn so eine Krankheit alles mit sich bringen kann.
Zur Definition der kognitiven Dissonanz im Gabler Wirtschaftslexikon, und Co-Abhängigkeit auf Wikipedia.

Wenn Du als Angehöriger Hilfe brauchst, es gibt inzwischen deutschlandweit viele verschiedene Selbsthilfegruppen. Hier ein paar hilfreiche Links: www.nakos.de/adressen/datenbanksuche/, www.vfa-patientenportal.de/selbsthilfe/selbsthilfegruppen-stellen-sich-vor, www.dag-shg.de/, www.patienten-information.de/patientenleitlinien/depression/kapitel-12

Noch Fragen? Melde Dich bei mir: www.annafeuerbach.de

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