Selbstwert
Oder: Warum nicht jeder ein Fachmann für 500-Euro-Scheine ist
Teil 2

Diese zweite Geschichte stammt genau wie die des kleinen Elefanten aus dem Buch "Komm, ich erzähl dir eine Geschichte" und ich möchte sie hier wörtlich mit Dir teilen.

Sie handelt von einem jungen Mann, der den Rat eines Weisen erbittet, weil er sich selbst so wertlos fühlt.

Der wahre Wert des Rings

von Jorge Bucay

"Meister, ich bin gekommen, weil ich mich so wertlos fühle, dass ich überhaupt nichts mit mir anzufangen weiß. Man sagt, ich sei ein Nichtsnutz, was ich anstelle, mache ich falsch, ich sei ungeschickt und dumm dazu.
Meister, wie kann ich ein besserer Mensch werden? Was kann ich tun, damit die Leute eine höhere Meinung von mir haben?"

Ohne ihn anzusehen, sagte der Meister:
"Es tut mir sehr leid, mein Junge, aber ich kann dir nicht helfen, weil ich zuerst mein eigenes Problem lösen muss. Vielleicht danach…"
Er machte eine Pause und fügte dann hinzu: "Wenn du zuerst MIR helfen würdest, könnte ich meine Sache schneller zu Ende bringen und mich im Anschluss eventuell deines Problems annehmen."

"S… sehr gerne, Meister" stotterte der junge Mann und spürte, wie er wieder einmal zurückgesetzt und seine Bedürfnisse hintangestellt wurden.

"Also gut" fuhr der Meister fort. Er zog den Ring vom kleinen Finger seiner linken Hand, gab ihn dem Jungen und sagte: "Nimm das Pferd, das draußen bereitsteht, und reite zum Markt. Ich muss diesen Ring verkaufen, weil ich eine Schuld zu begleichen habe. Du musst unbedingt den bestmöglichen Preis dafür erzielen, und verkauf ihn auf keinen Fall für weniger als ein Goldstück. Geh und kehr so rasch wie möglich mit dem Goldstück zurück."

Der Junge nahm den Ring und machte sich auf den Weg. Kaum auf dem Markt angekommen, pries er ihn den Händlern an, die ihn mit einigem Interesse begutachteten, bis der Junge den verlangten Preis nannte.
Als er das Goldstück ins Spiel brachte, lachten einige, die anderen wandten sich gleich ab, und nur ein einziger alter Mann war höflich genug, ihm zu erklären, dass ein Goldstück viel zu wertvoll sei, um es gegen einen Ring einzutauschen. Entgegenkommend bot ihm jemand ein Silberstück an, dazu einen Kupferbecher, aber der Junge hatte die Anweisung, nicht weniger als ein Goldstück zu akzeptieren, und lehnte das Angebot ab.
Nachdem er das Schmuckstück jedem einzelnen Marktbesucher gezeigt hatte, der seinen Weg kreuzte – und das waren nicht weniger als hundert -, stieg er, von seinem Misserfolg vollkommen niedergeschlagen, auf sein Pferd und kehrte zurück.
Wie sehr wünschte sich der Junge, ein Goldstück zu besitzen, um es den Meister zu überreichen und ihn von seinen Sorgen zu befreien, damit der ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen konnte.

Er betrat das Zimmer.
"Meister", sagte er, "es tut mir leid. Das, worum du mich gebeten hast, kann ich unmöglich leisten. Vielleicht hätte ich zwei oder drei Silberstücke dafür bekommen können, aber es ist mir nicht gelungen, jemanden über den wahren Wert des Rings hinwegzutäuschen."

"Was Du sagst, ist sehr wichtig, mein junger Freund", antwortete der Meister mit einem Lächeln. "Wir müssen zuerst den wahren Wert des Rings in Erfahrung bringen. Steig wieder auf Dein Pferd und reite zum Schmuckhändler. Wer könnte den Wert des Rings besser einschätzen als er? Sag ihm, dass Du den Ring verkaufen möchtest, und frag ihn, wieviel er Dir dafür gibt. Aber was immer er Dir auch dafür bietet: Du verkaufst ihn nicht. Kehr mit dem Ring hierher zurück."

Und erneut machte sich der Junge auf den Weg.
Der Schmuckhändler untersuchte den Ring im Licht einer Öllampe, er besah ihn durch seine Lupe, wog ihn und sagte:
"Mein Junge, richte dem Meister aus, wenn er jetzt gleich verkaufen will, kann ich ihm nicht mehr als achtundfünfzig Goldstücke für seinen Ring geben."
"Achtundfünfzig Goldstücke?" rief der Junge aus.
"Ja", antwortete der Schmuckhändler. "Ich weiß, dass man mit etwas Geduld sicherlich bis zu siebzig Goldstücke dafür bekommen kann, aber wenn es ein Notverkauf ist…"

Aufgewühlt eilte der Junge in das Haus des Meisters zurück und erzählte ihm, was geschehen war.
"Setz Dich", sagte der Meister, nachdem er ihn angehört hatte.
"Du bist wie dieser Ring: ein Schmuckstück, kostbar und einzigartig. Und genau wie bei diesem Ring kann Deinen wahren Wert nur ein Fachmann erkennen. Warum irrst Du also durch Dein Leben und erwartest, dass jeder x-beliebige um Deinen Wert weiß?"

Und noch während er dies sagte, streifte er sich den Ring wieder über den kleinen Finger der linken Hand.

Ja, wieso glauben wir, dass jeder x-beliebige um unseren wahren Wert weiß?
Ja, schlimmer noch:
Wieso glauben wir, genau wie der junge Mann in der Geschichte, dass jeder x-beliebige unseren wahren Wert besser einschätzen kann als wir selbst?
Wieso geben wir jedem x-beliebigen die Macht, über uns, über unsere Fähigkeiten, unseren Charakter, unser Aussehen zu urteilen?

Wir werden ständig beurteilt und urteilen ständig.
Der Alltag ist voller Beurteilungen, voller Bewertungen. So funktioniert Werbung, so funktionieren Instagram, Facebook und Co.
Ich denke, Urteilen ist menschlich.
Der Mensch braucht dieses System von Menschen in Schubladen, um nicht permanent mit seiner Umwelt überfodert zu sein.
Das ist in Ordnung und oft auch hilfreich. Wenn jemand mit einer Waffe vor mir steht, ist es wohl nicht gerade dienlich mir zunächst Gedanken zu machen, ob er nicht eigentlich ein guter Mensch ist.

Aber warum machen wir unseren Wert, das was wir über uns selbst denken, was wir von uns selbst halten, das wie wir uns fühlen ständig vom Urteil x-beliebiger abhängig?

Viele ziehen andere runter, um selbst da unten nicht alleine zu sein.

— Steffen Ritter

Ich bin mir sicher, in Deinem Leben gibt es genauso wie in meinem nicht nur solche Menschen.
Ich bin mir sicher, da gibt es nicht nur Menschen, die Dich klein machen, um sich selbst nicht so klein zu fühlen.

Ich glaube, in Deinem Leben gibt es genauso wie in meinem auch echte Fachleute.
Menschen, die Deinen wahren Wert erkannt haben.
Menschen, die Deine Einzigartigkeit sehen.
Menschen, die wissen welche unglaubliche Freude DU, genau DU für die Welt bedeutest, die wissen, warum DU ein echtes Geschenk für diese Welt bist.

Fang an diesen Menschen zu glauben, sie sind die wahren Fachleute.

Vielleicht kannst Du sie auch fragen, Partner, Familie, Freunde, Lehrer, …
Vielleicht kannst Du diese Menschen fragen, was sie für Dich, wärest Du ein Ring, wärest Du ein materielles Schmuckstück, bezahlen würden. Vielleicht kannst Du diese Menschen fragen, was Du für sie bedeutest, welchen Wert Du für sie hast und warum. Vielleicht kannst Du sie fragen, was Dich für sie besonders macht, was sie an Dir schätzen, mögen, lieben.
Vielleicht schreibst Du Dir diese Aussagen auch auf, vielleicht bastelst Du eine kleine Schatzkiste mit diesen echten Seelenschätzen.
(Eine Teilnehmerin meiner Kreativgruppe hat mich diese Woche mit ihrem kleinen Döschen zu dieser Idee inspiriert – Danke an dieser Stelle!) Dann kannst Du, wann immer Du an Dir zweifelst, wann immer Du an Deinem Wert zweifelst, das Döschen öffnen und Dich wieder liebevoll erinnern lassen. Dich wieder liebevoll erinnern lassen an das, was Dich ausmacht, was Dich besonders macht.

Vielleicht macht diese Übung, vielleicht machen die Aussagen Anderer, die Aussagen echter Fachleute es Dir leichter, Deinen wahren Wert festzulegen.

Denn Du hast es in der Hand.
Was willst Du wert sein?
Was willst Du DIR wert sein?
Willst Du ein 5- oder ein 500-Euro-Schein sein?

Du bist wertvoll!
Nicht weil Du weißt was Du weißt, nicht weil Du tust was Du tust,
sondern einfach weil Du bist wie Du bist.

— Unbekannt

Dein Wert ist nicht davon abhängig, welche Leistung Du erbringst, welche Noten Du in Schule und Uni erreichst, welche Abschlüsse und Zeugnisse Du vorzuweisen hast, was alles in Deinem Lebenslauf steht.
Dein Wert ist nicht davon abhängig, ob Du als Person die Dünnste und Sportlichste bist, ob Du die Hübscheste, die am besten Gestylteste, die Coolste bist, die mit den besten Manieren, die, die niemals aneckt, die es allen immer Recht macht, die, an der niemand etwas auszusetzen hat.
Dein Wert ist nicht davon abhängig, ob alle Menschen Dich mögen, Dich schätzen, Dich in ihrem Freundeskreis haben wollen.

Du bist wertvoll.

Per se als Mensch, einfach weil Du DU bist. Einfach weil Du BIST.
Deshalb bist Du genauso ein Geschenk für die Welt wie ich – und deshalb werde ich nicht müde, Dich und mich auf diesen Seiten wieder und wieder an diese Tatsache zu erinnern…

Links in diesem Beitrag:
Zum Blogbeitrag:
Der kleine Elefant und die Freiheit – weißt Du, was WIRKLICH in Dir steckt?
Zum Buch von Jorge Bucay: Komm, ich erzähl Dir eine Geschichte
Zur Inspiration für ein kleines Döschen

2 Kommentare
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Kommentare

  • Nadine

    18. April 2018 at 8:17
    Antwort

    Oh mein Gott ich habe gerade Tränen in den Augen... - vielen Dank für diese 2 neuen Beiträge!!!!! Das ist alles so wahr! Eigentlich sollte ich […] WeiterlesenOh mein Gott ich habe gerade Tränen in den Augen... - vielen Dank für diese 2 neuen Beiträge!!!!! Das ist alles so wahr! Eigentlich sollte ich täglich aufs Neue immer wieder die 2 Geschichten lesen. Text verkleinern

    • Anna
      zu Nadine

      19. April 2018 at 12:23
      Antwort

      Liebe Nadine, danke Dir für diesen tollen Kommentar! Freut mich so sehr zu hören, dass auch Dich diese zwei kleinen Geschichten direkt ins Herz treffen. Du […] WeiterlesenLiebe Nadine, danke Dir für diesen tollen Kommentar! Freut mich so sehr zu hören, dass auch Dich diese zwei kleinen Geschichten direkt ins Herz treffen. Du bringst es auf den Punkt: Wir sollten uns diese Wahrheiten über uns und unseren Wert eigentlich so lange jeden Tag vor Augen führen, bis sie uns in Fleisch und Blut übergegangen sind.
      Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du verinnerlichen kannst: Dein Wert ist unveränderlich, unermesslich. Du bist ein Geschenk für die Welt!
      Mit diesem kleinen lieben Kommentar hier, hast Du mich ein kleines Stück daran teilhaben lassen.
      Ich danke Dir! 
      Text verkleinern

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