Warum ich?
Wie psychische Erkrankungen entstehen
und was das mit der aktuellen Krise zu tun hat.

Da saß ich wie betäubt auf dem Stuhl bei meinem Hausarzt.
In mir eine ganz eigenartige Mischung aus Erleichterung und Entsetzen. In meinem Kopf tausend diffuse Gedanken. Die Stimme des Arztes wie ein fernes Rauschen. Begriffe wie "Antidepressivum" … "Therapieplatz"… "Klinkaufenthalt"… drangen in mein Bewusstsein. Die Zusammenhänge verstand ich nicht.

Plötzlich stand ich wieder auf der Straße, mitten im Berufsverkehr. Die Gedanken in meinem Kopf hatten sich aufgelöst. Oder eher kondensiert. Zu dieser einen Frage: "Warum ich?"
Es war ein sonniger Nachmittag im Mai.
Ich war 15.

Manchem ist der Sinn ein Hindernis, manchem gibt das Hindernis Sinn.

— Manfred Hinrich

Warum ich?

Natürlich wusste ich grob, was psychische Erkrankungen sind.
In meinem jugendlichen Kopf stand das ungefähr auf gleicher Ebene wie Aids.
Ein Thema, von dem mit erhobenem Zeigefinger und mahnenden Worten berichtet wird. Ein Thema mit Schmuddel-Image. Ein Thema, das mit meinem gut bürgerlichen Bilderbuchleben genauso wenig zu tun hatte wie Hungersnöte und Umweltkatastrophen.

Psychische Erkrankungen? Das war etwas, das Anderen passiert! Berichte von steigenden Fallzahlen oder Betroffenen nahm ich je nach persönlicher Stimmung gar nicht wahr oder konsumierte sie als spannende Unterhaltung, wie einen gut gemachten Gruselfilm. Bei persönlichen Bekannten mit einer gewissen Sensationslust, seltener auch mit echter Sorge. Aber vor allem immer mit großem innerlichen Abstand.
Psychische Erkrankungen? Hatte mit mir selbst nie etwas zu tun.

Heute tut mir diese Einstellung leid. Es tut mir leid, wie ich über "diese Menschen" gedacht habe, zu denen ich plötzlich auch gehörte – ob ich wollte oder nicht.
Ja, es tut mir leid!
Aber hey, ich war jung. Ich wusste es nicht besser.

Heute weiß ich es besser. Heute weiß ich, das Thema psychische Erkrankungen hat mit JEDEM Menschen zu tun.
Unabhängig von Herkunft, sozialem Status, Bildungsstand oder Lebenswandel.
Ein Drittel aller Deutschen erkranken im Laufe ihres Leben psychisch. Jeder Dritte!

1 – 2 – Du – 1 – 2 – Du – 1 – 2 – Ich…

Die meisten Betroffenen sehen die Krankheit nicht kommen, sehen sich selbst nicht als gefährdet an. Die meisten Betroffenen stellen sich – wie ich an diesem Nachmittag im Mai – irgendwann die Frage: "Warum ich?"

Das wissenschaftliche Modell:

Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie psychische Erkrankungen genau entstehen. Klar ist, das Geschehen ist multifaktoriell, heißt: es kommen immer mehrere Faktoren zusammen.

Einem so komplexen Thema wie der menschlichen Psyche nähern wir uns in der Wissenschaft in vereinfachten Modellen. Das Modell, in dem ich mich als Betroffene am besten wiederfinde, ist das Diathese-Stress-Modell.

(Quelle: Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. 2014)
Copyright Anna Sophia Feuerbach

Nach diesem Modell spielt zum Einen die Genetik eine Rolle.
Kein Mensch kommt als weißes Blatt auf die Welt. Wir alle bekommen eine bestimmte genetische Grundausstattung von unseren Eltern mit auf den Weg. Dazu gehört die Neigung zu bestimmten Krankheiten genauso wie die Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale. Soll heißen: es gibt Familien, die neigen bei Stress zu Verdauungsbeschwerden. In anderen Familien kommen Depressionen gehäuft vor. Manche Menschen sind von Natur aus ausgeglichen und lassen sich nicht stressen. Andere neigen zum Grübeln und nehmen das Leben eher schwer.

Dazu kommt die psychosoziale Entwicklung.
Heißt: wir alle leben als Kind unter bestimmten Bedingungen. Erleben tragende, vertrauensvolle Beziehungen, verlässliche Bindungen – oder eben auch nicht. Dabei spielen natürlich die nahen Angehörigen eine Rolle, Eltern, Großeltern und Geschwister. Aber nicht nur. Wir alle wachsen in einer Gemeinschaft auf, mit Altersgenossen, Lehrern und vielen weiteren Bezugspersonen. Die Beziehung zu und die Erlebnisse mit all diesen Menschen kann unsere Psyche nachhaltig prägen. Mobbing ist hier nur ein Stichwort von vielen.

Beides führt dazu, dass wir als Mensch eine gewisse Vulnerabilität besitzen, eine gewisse Verletzlichkeit.
Umgangssprachlich haben wir ein dickes Fell oder sind eben "zu sensibel". Ist unsere Vulnerabilität hoch, sind wir anfälliger, besitzen weniger gute Bewältigungsstrategien für überfordernde Situationen oder sind per se schneller überfordert.

Erleben wir nun eine Stresssituation, die für unsere Psyche zu groß ist, ist die einzige Lösung die psychische Erkrankung.
Ja, richtig gelesen! Die Erkrankung ist die Lösung. Sie hilft uns, diese existenziell bedrohliche Situation zu überleben.

Wir alle sind in unserem Leben immer wieder Stressoren ausgesetzt. Umfragen (z.B. der british psychological society) haben ergeben, dass der Tod eines nahestehenden Menschen zu den schlimmsten Ereignissen in unserem Leben gehört. Leider werden wir diese Erfahrung jedoch alle irgendwann machen müssen. Ebenfalls ganz oben auf der Stressoren-Liste stehen schwere Krankheiten und unerwartete finanzielle Nöte. Aber auch objektiv gesehen positive Erlebnisse wie die Geburt eines Kindes, ein Umzug in ein größeres Haus oder eine Beförderung können uns überfordern. Es ist also ein Trugschluss zu denken, es braucht ein Trauma, ein schlimmes Erlebnis, um eine psychische Erkrankung auszulösen.

Wie das bei mir war:

Wie Du schon weißt, wurde ich in meinem Leben relativ früh mit psychischen Erkrankungen konfrontiert. Mit 15 Jahren, mitten in der Pubertät wurde ich "plötzlich" mit einer so massiven Prüfungsangst konfrontiert, dass mein Schulabschluss trotz Bestnoten in weite Ferne zu rücken schien. Medikamente und dieser sehr verständnisvolle Hausarzt, der mir an jedem Nachmittag gegenüber saß, retteten mich über die Zeit – und mein 1er Abitur.
Die Prüfungsangst verschwand jedoch nicht, sondern wuchs zu einer echten Depression heran, die mich – wie treue Leser schon wissen – von da an viele Jahre meines Lebens in unterschiedlichen Ausprägungen begleiten sollte.

Lange Zeit fragte ich mich:
Warum ich?
Warum ich und alle anderen nicht? Warum nicht mein Bruder?
Bin ich zu schwach? Bin ich nicht lebensfähig? Was ist falsch mit mir?

Es war wichtig für mich, eine wissenschaftliche Erklärung zu erhalten. Wichtig, um diese Fragen in meinem Kopf abschließen zu können. Wichtig, um dem Thema Schuld keinen Raum mehr zu geben. Denn Schuld hat im Diathese-Stress-Modell keinen Platz. Das ist wichtig.

Ich und mein Rucksack:

Ich vergleiche die menschliche Psyche heute gerne mit einem Rucksack. Wir alle sind mit einem Rucksack auf die Welt gekommen, der eine gewisse Form hat und eine gewisse Größe. Das ist durch unsere Gene bestimmt.
Mein Rucksack ist eher klein und zart. Ich war von klein auf sehr sensibel, habe mir über alles und jeden Sorgen gemacht, hatte vor allem und jedem Angst. Gleichzeitig bin ich sehr perfektionistisch. Ich erbringe gerne Leistung, liebe geistige Herausforderungen und erwarte Höchstform – natürlich nur von mir selbst. "Perfekte Voraussetzungen" also, mich und meine Psyche permanent zu überfordern.

War mein Rucksack jetzt schon klein und zart, so wurde er in meiner Kindheit und Jugend zusätzlich voll gepackt. Mit Erfahrungen, die Kinder eben mit anderen Kindern machen, wenn sie still und ängstlich, gleichzeitig klug und erfolgreich sind.
Vielleicht erinnerst Du Dich an den typischen Streber aus Deiner Schulzeit? Der oder die mit den guten Noten, mit dem/der niemand etwas zu tun haben will?
Tja, das könnte ich gewesen sein.

So lief ich durchs Leben mit einer hohen Vulnerabilität, einer großen Verletzlichkeit und Verunsicherung. In der Rückschau schien es nur eine Frage der Zeit, bis mich etwas aus der Bahn wirft. Dieses Ereignis war letztlich ein Schulwechsel, der mein schulischen Leben von einen Tag auf den anderen komplett zum POSITIVEN veränderte. Und dennoch begann die Angst.
Heute weiß ich, dass auch positive Veränderungen große Stressoren sein können. Heute weiß ich, dass es sogar HÄUFIG positive Lebensereignisse, wie ein Jobwechsel oder eine Beförderung sind, die den Rucksack der Seele zum Überquellen bringen.

Warum das jetzt gerade aktuell ist:

Wir schreiben das Jahr 2020.
Es ist Frühling – und die Welt steht still.

Covid-19 heißt die Erkrankung, vor der sich in diesen Tagen alle fürchten. Corona der Virus, der uns zu Isolation und einem gesellschaftlichen "Herunterfahren" zwingt. Niemand weiß, wie es die nächsten Monate weitergehen wird. Die Folgen für unsere Wirtschaft, unsere physische und psychische Gesundheit sind nicht absehbar. Verunsicherung, irrationales Verhalten, Verlust jeglicher Planungssicherheit, Sorge um liebe Menschen, Vereinsamung – all das begegnet uns in diesen Tagen.

Wir alle erleben in unserem Leben Krisen. Doch eine gesellschaftliche Krise, wie die Corona-Krise, bringt massive Stressoren für alle Menschen mit sich. Von plötzlich auftretenden finanziellen Nöten, Angst vor Arbeitslosigkeit oder um die eigene Gesundheit, Isolation und Einsamkeit, bis hin zu übervollen Auftragsbüchern und übermäßig viel Familienzeit – alles, was unseren normalen Alltag durcheinander bringt, kann uns als Menschen belasten. Dazu kommt in dieser Krise wie häufig in schwierigen Situationen der Wegfall von stabilisierenden Faktoren wie regelmäßigen sozialen Kontakten oder Sport.

Viele Pakete, die in großen Krisen den Weg in unseren Rucksack finden. Viele Pakete, die die Rucksäcke vieler Menschen in Krisen überquellen lassen. Die Psyche vieler Menschen wird überfordert. Psychische Erkrankungen als Lösungsform nehmen zu.

Was das mit Dir zu tun hat:

NICHTS! – magst Du jetzt denken.

Und das ist in Ordnung. Ich werde Dir hier nichts einreden. Ganz gewiss nicht.

Ich möchte Dir nur ein paar Gedanken mitgeben.
Du kannst – wie immer – selbst entscheiden, was Du mit ihnen machst.

Wir alle haben eine Psyche. Wir alle haben Gene. Wir alle haben eine Vergangenheit.

Wir alle haben einen Rucksack. Und dieser Rucksack kann überquellen – bei jedem Einzelnen von uns. Gerade in herausfordernden Zeiten macht es deshalb Sinn, sich Gedanken um die eigene Psyche zu machen.

  • Ist mein Rucksack von Grund auf eher klein oder komfortabel groß?
  • Sind da in meiner Vergangenheit schon Erlebnisse und Erfahrungen gewesen, die Platz in meinem Rucksack brauchen?
  • Legt eine aktuelle Krise gerade noch weitere Päckchen dazu?
  • Wie viel Platz ist aktuell noch? Droht schon Überfüllung?
  • Was sagt das Bauchgefühl? Wie hoch ist das Stresslevel aktuell?

Diese kleine Bestandsaufnahme hilft, herauszufinden, wie gefährdet wir aktuell sind. Wie gut wir auf uns acht geben müssen. Wie viel Selbstfürsorge es braucht. Ob wir etwas an unserem aktuellen Verhalten verändern sollten. Ob wir vielleicht Hilfe brauchen.

Kommst Du für Dich zu einem guten Ergebnis? Ist bei Dir alles fein? Kommst Du gut klar?

Wunderbar!

Dann schau auch mal links und rechts. Wie geht es Deinen Lieben?
Deiner alleine wohnenden Schwester? Deinem Freund im Ausland? Deinem Partner, Deinen Eltern? Der freundlichen Nachbarin? Wie geht es Deinen Kollegen, Deinem Chef? Siehst Du bei ihnen Päckchen in den Rucksack wandern, die überfodern könnten? Siehst Du bei ihnen Rucksäcke, die überzuquellen drohen?

Ja?
Dann sprich den Menschen darauf an. Schildere Dein Gefühl, Deine Beobachtungen.
Gerade in schwierigen Zeiten dürfen wir noch mehr füreinander da sein, uns noch mehr umeinander sorgen. Gerade in schwierigen Zeiten sollten wir miteinander in den Austausch gehen.
Miteinander reden.

Ein gut Wort und ein sanfter Regen dringen überall durch.

— Deutsches Sprichwort

Ist Dein Rucksack selbst schon recht voll?
Solltest Du erst einmal auf Dich selbst schauen? Wenn Du ganz ehrlich zu Dir bist?

Ja?
Dann verordne ich Dir hiermit eine große Portion Selbstfürsorge! Viel Schlaf, gutes Essen, ein bisschen Kreativität, ein gutes Buch,…

Es darf Dir gut gehen. Wirklich.
Denn Du bist wertvoll.
Schön, dass es Dich gibt.

PS: Sollte der letzte Abschnitt Widerstand in Dir erzeugt haben, möchte ich Dir meinen Beitrag über Selbstwert ans Herz legen.

PPS: Die Idee zu diesem Beitrag hier ist mir gekommen, als ich bei einem Online-Kongress im Mai über dieses Rucksack-Bild sprach. Vielleicht interessiert Dich auch mein Talk, nach zu sehen bei YouTube. Mein Beitrag beginnt bei ca. 1h 7min. Die anderen Referentinnen (es war ein reiner Frauenkongress) sind aber natürlich auch hörenswert! Ach und: YouTube ist natürlich nicht DER Musterknabe, was den Datenschutz angeht – ich wollte es nur gesagt haben 😉

Links in diesem Beitrag:
Zum Blogbeitrag: Selbstwert – warum Du Deinen ureigenen Wert niemals verlieren kannst.
Zu den Seiten des Dachverbands Gemeindepsychiatrie, meine Quelle des Diathese-Stress-Modells und der british psychological society, auf deren Stressoren-Liste ich mich beziehe.

Photo by Tim Gouw on Unsplash

1 Kommentare
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Kommentare

  • Anna

    1. Mai 2020 at 15:06
    Antwort

    Liebe Marlen, gerade heute schriebst Du mir. Gerade heute, wo ich die Veröffentlichung dieses Beitrags plante. Ich habe mich dennoch sehr über Deine Zeilen gefreut. […] WeiterlesenLiebe Marlen, gerade heute schriebst Du mir. Gerade heute, wo ich die Veröffentlichung dieses Beitrags plante. Ich habe mich dennoch sehr über Deine Zeilen gefreut. Es ist schön zu wissen, dass auch bei längeren Sendepausen liebe Menschen hier ab und an reinsehen. Danke dafür. <3 Ich schreibe Dir hier, da Deine Email-Adresse Probleme macht. Meine Antwort kam mit Fehlermeldung zurück. Deshalb auf diesem Wege: ich habe Dich gelesen! Und ich danke Dir! Deine Anna Text verkleinern

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