Das Geschenk der Essstörung
Vom unermesslichen Glück früh im Leben zu erkennen, worauf es wirklich ankommt

Vor einiger Zeit fiel mir ein Buch in die Hände: Das Leben macht Geschenke, die es als Problem verpackt. Als ich den Titel las, ging ich innerlich direkt auf Abwehr:

‚Wie? Soll das jetzt heißen, ich sollte DANKBAR sein für meine psychischen Probleme? Dafür, dass jeder Tag ein Kampf ist? Dafür, dass ich mein Leben nicht auf die Reihe kriege? Na vielen Dank auch! Das kann auch nur jemand sagen, der selbst noch nie wirkliche Probleme hatte…‘

Ob ich das Buch schließlich kaufte, weil ich mich selbst in diesen Gedanken bestätigen wollte oder weil mich ernsthaft interessierte, wie man zu einer solchen Einsicht gelangt – keine Ahnung. Klar ist aber, es begegnete mir zu genau dem richtigen Zeitpunkt und öffnete mir in vielen Dingen die Augen.
Obwohl oder gerade weil es in dem Buch überhaupt nicht um psychische Erkrankungen geht. Es geht um die alltäglichen Probleme, mit denen jeder „normale“ Mensch im Laufe seines Lebens konfrontiert wird. Probleme beruflicher Art, wie Schwierigkeiten mit Chef und Kollegen oder Arbeitsplatzverlust, finanzielle Probleme, Probleme in der Partnerschaft, gesundheitliche Probleme, … Und dennoch hatte ich plötzlich dieses unheimliche Gefühl, der Autor spräche von mir, als würde er mich kennen, ja, als würde er in meinen Kopf schauen und meine innersten Gedanken hören können! Plötzlich erkannte ich so glasklar, dass es weh tat: In meinem Bewusstsein bestand ich nur aus Kopf, Gehirn, Geist. Ich hatte keinerlei Kontakt zu dem was man Intuition nennt – eine Tatsache, die wohl nicht unerheblich zu all den Schwierigkeiten in meinem Leben beigetragen hat. Aber es (ich) funktionierte ja sehr gut! Ich war erfolgreich, habe immer alle Erwartungen übererfüllt. Von außen betrachtet war alles perfekt, doch es ging mir schlecht und ich verstand einfach nicht wieso, gab mir selbst die Schuld. Nur ab und zu kamen leise Gedanken:

‚Es kann doch nicht sein, dass jeder Tag ein einziger Kampf ist, dass sich niemals etwas leicht anfühlt, dass ich jeden Abend im Bett einfach nur froh bin, den Tag geschafft zu haben.
Das kann doch nicht DAS Leben sein.‘

Doch ich erlaubte mir nicht, diesen Stimmen, diesem Bauchgefühl zuzuhören – und so geht es wahrscheinlich vielen Menschen in unserer Gesellschaft. Wir lernen von klein auf, auf die Stimme der Vernunft zu hören, die Vorgaben und Erwartungen unserer Umgebung zu erfüllen, möglichst gut zu funktionieren. Also reagierte ich wie ich es gewohnt war und schob die Gefühle weit weg, maßregelte mich innerlich:

‚Jetzt stell dich mal nicht so an! Es ist doch alles perfekt! Super Studienabschluss, Promotionsstelle, finanzielle Sicherheit, Familie, Freunde und on top noch eine liebevolle Beziehung
– WAS willst du eigentlich?‘

Und schwupps hatte ich zu den eh schon schrecklichen Gefühlen noch ein Weiteres: ein schlechtes Gewissen, dass ich so undankbar war. Die für mich einzig mögliche Erklärung für mein Dilemma war: Ich war anscheinend zu schwach, zu wehleidig, nicht motiviert genug! Da half nur eines: Zähne zusammenbeißen, weiterkämpfen, mich noch mehr anstrengen. Schließlich wartete ja das perfekte Leben auf mich! Wie sollte es auch anders sein, alle Weichen waren ja perfekt gestellt. Und dann wären alle Qualen vergessen, alle Probleme würden sich in Luft auflösen, alles wäre gut…

Und so kämpfte ich weiter, Tag für Tag, Stunde für Stunde, nutzte verbissen Hungern und Sport, um mich zu betäuben, um nicht mehr wahrnehmen zu müssen, wie schlecht es mir eigentlich ging.

„Aber den Kopf infrage zu stellen, das tut man nicht. Da stünde wohl zu viel auf dem Spiel. Vielleicht käme man dann darauf, dass man jahrelang den falschen Zielen hinterhergelaufen ist und sich dabei unter Umständen bis an den Rand der körperlichen, geistigen und emotionalen Erschöpfung gebracht hat.“

– es ist, als hätte der Autor die Gedanken und Gefühle vom Grunde meines Herzens zu Papier gebracht…

Das Buch machte mir klar: Da draußen gibt es unglaublich viele Menschen, deren Leben sich meist nicht ganz schlecht, aber leider auch nie richtig gut fühlt. Die jeden verdammten Tag mit dem Gefühl aufstehen: „Mein Leben ist zwar nicht wirklich so wie ich es mir wünschen würde, aber es geht schon irgendwie. Es könnte ja noch so viel schlimmer sein!“ Das ist das Leben, an dem ich scheiterte, ich konnte es nicht, ich wurde depressiv und schließlich konnte ich nicht mal mehr Essen, war nicht mal in der Lage meine menschlichen Grundbedürfnisse zu stillen…

ZUM GLÜCK !!!!

Meine Seele zwang mich hinzusehen, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich war so tief unten, dass es nur noch zwei Möglichkeiten gab: endlich die Augen zu öffnen oder zu sterben. Das hat mir die Möglichkeit geschenkt, das Leben in einem anderen Licht zu sehen, die Perspektive zu wechseln und aus dem Hamsterrad der Erwartungen auszusteigen. Jetzt darf ich durchatmen, einen Schritt zurücktreten und meinem Sein eine neue Richtung geben:
Hin zu einem sinnhaften Leben erfüllt mit tief empfundener Liebe und Glück.

Und so werden meine „psychischen Störungen“ plötzlich zum liebevollen Schluckauf meiner Seele, zu einem großen Geschenk, das vielen, zu vielen Menschen in unserer Gesellschaft verwehrt bleibt. Die im Alter irgendwann, wenn es zu spät ist, begreifen ein Leben geführt zu haben, das nicht wirklich ihres war.

Egal an welcher Stelle im Leben Du gerade stehst, mit welchen Schwierigkeiten Du gerade konfrontiert bist. Nimm sie an als ein liebevolles Zeichen, wieder genauer hinzusehen und in Dich hinein zu fühlen, als eine Gelegenheit die Weichen in Deinem Leben neu zu stellen, Dir wieder einmal klar zu machen, dass Du nur dieses eine Leben hast…

Inmitten der Schwierigkeit liegt die Möglichkeit.

— Albert Einstein

Die meisten Menschen, die es schaffen, ihr Leben wirklich im Einklang mit sich selbst und völlig erfüllt zu leben, erleiden zuvor einen schweren Schicksalsschlag. Es scheint als bräuchte der Mensch die existentielle Erfahrung alles verlieren zu können, bevor er bereit ist, für sein persönliches Glück zu kämpfen.

Einige bewegende und inspirierende Geschichten sind hier gesammelt: www.storyofmylife.de

Links in diesem Beitrag:
Zu meiner Rezension von: Das Leben macht Geschenke, die es als Problem verpackt
Direkt zum Buch: Das Leben macht Geschenke, die es als Problem verpacktZu den Mutmachgeschichten: www.storyofmylife.de

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Kommentare

  • Banyo Aynası

    18. November 2017 at 20:48
    Antwort

    Ein Artikel den ich gerne gelesen habe. Danke für die Mühe, die Sie gemacht haben, um das alles zusammenzutragen. MfG Banyo

  • Steffi

    22. Mai 2017 at 22:19
    Antwort

    Eine kurze Frage,wie bist du ausgestiegen aus den Hamsterrad der Erwartungen? ichIh find mich hier so stark wieder!! Aber mich würde einfach interessieren wie du […] WeiterlesenEine kurze Frage,wie bist du ausgestiegen aus den Hamsterrad der Erwartungen? ichIh find mich hier so stark wieder!! Aber mich würde einfach interessieren wie du es geschafft hast!! Danke außerdem für dene lieben Worte heute auf FB!! Text verkleinern

    • Anna
      zu Steffi

      23. Mai 2017 at 14:41
      Antwort

      Liebe Steffi,
      ich freue mich sehr, dass du auch den Weg hier auf meine Seite gefunden hast!
      Deine Frage ist nicht leicht zu […] 
      WeiterlesenLiebe Steffi,
      ich freue mich sehr, dass du auch den Weg hier auf meine Seite gefunden hast!
      Deine Frage ist nicht leicht zu beantworten, aber ich danke dir von ganzem Herzen dafür - sie hat mich zum Nachdenken gebracht und mir gezeigt, dass dieser Schritt nicht selbstverständlich war! Das erfüllt mich gerade mit großer Dankbarkeit...
      Der erste Schritt war überhaupt zu SEHEN, dass dieses Leben, das ich da führe, gar nicht mein Leben ist, sondern, dass ich fremden Erwartungen hinterher renne - in dem ständigen Gefühl, sie nicht zu erfüllen, ungenügend zu sein, schwach. Nachdem ich außerdem erkannt hatte, dass dieser Umstand einen großen Teil zu meinen psychischen Problemen beiträgt, gab es eigentlich keine Alternativen mehr.
      Im zweiten Schritt musste ich mir das Aussteigen aus dem Hamsterrad ERLAUBEN. Ich kam mir egoistisch vor und es fühlte sich im ersten Moment an wie Versagen - schließlich ist es ja eine Tatsache, dass ich es nicht schaffe so zu leben, wie ich immer dachte! Dieses Erlauben war ein längerer Prozess, bei dem mir viele Menschen geholfen haben - liebe Menschen in meinem direkten Umfeld, aber auch "mentale" Vorbilder. Ich beschäftige mich seit einiger Zeit sehr mit Persönlichkeitsentwicklung, darüber werde ich auch sicher noch einen eigenen Post machen. Außerdem baue ich gerade eine Seite auf mit Links zu sämtlichen Quellen, die mir auf meinem Weg geholfen haben und es immer noch tun. Schon mal vorab für dich: schau mal nach dem Podcast von Laura Seiler "Happy, holy and confident" - sie hat mich direkt ins Herz getroffen... 
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