Der Frosch in der Milch
Kampf vs. Vertrauen

Es war schrecklich. Es veränderte sich nichts. Es ging mir nicht besser.
Jeder Tag fühlte sich an wie ein einziger Kampf ums Überleben…

Ich konnte es einfach nicht verstehen – ich arbeitete so hart an mir, stellte alles kritisch auf den Prüfstand, hinterfragte alles, sah genau hin. Ich sah mir jeden noch so kleinen Teil meiner Psyche, jeden vermeintlichen Fehler, jede Verhaltensweise, jeden Glaubenssatz genau an.
Ich tat es liebevoll, aber radikal ehrlich.
Es tat weh, es machte mir Angst – aber es fühlte sich zum ersten Mal in meinem Leben richtig an. Zum ersten Mal in meinem Leben lernte ich mich, mein Innerstes, meine Seele wirklich kennen. Ich lernte mich kennen mit all meinen Facetten, den schönen, vor allem aber den nicht so schönen, dunklen, traurigen, mit all meinen inneren Nöten, seelischen Wunden, tiefen Verletzungen.
In meinem Garten begannen die ersten duftenden Blumen zu blühen, die Bäume trugen die ersten saftigen Früchte, ich begann zu verstehen, jeden Tag ein bisschen mehr.

Aber – es veränderte sich nichts. Es ging mir einfach nicht besser.

Ich hatte das Gefühl gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich hatte das Gefühl für jede Schaufel Mist, die ich in den Garten trug, kamen vor dem Haus zwei neue hinzu – oder drei, oder vier. Ich hatte das Gefühl einen nicht enden wollenden Kampf zu führen, einen aussichtslosen Kampf, einen Kampf, den ich nicht würde gewinnen können…

Und da war in meinem Innersten ein Bild.
Ein Bild, von dem ich nicht weiß woher es kam, das plötzlich einfach da war. Ein Bild anscheinend aus einer Fabel von Aesop, von der ich bis vor kurzem noch nie bewusst gehört hatte. Ein Bild, das meine Seele jetzt in ihrer Verzweiflung von irgendwoher wieder an die Oberfläche holte, das meine Seele mir jetzt vor Augen hielt, immer und immer wieder – solange bis ich seine Bedeutung begriff.
Das Bild aus der Fabel von den zwei Fröschen im Milchkrug. Mit diesem Bild verdeutlichte mir mein Unterbewusstsein auf eindrücklichste Weise wie ich mich im Innersten fühlte.
(Wenn Du die Fabel nicht kennst, kannst Du sie hier in Kurzform nachlesen. Hier findest Du ein wunderschön illustriertes Kinderbuch mit dieser und anderen Fabeln)
Ich fühlte mich wie diese beiden Frösche; diese beiden Frösche, aussichtslos gefangen in der Milchkanne, in die sie einst selbst gehüpft waren; in die sie gehüpft waren, um der vorigen, ebenso aussichtslosen Situation zu entgehen.
Genauso fühlte ich mich.
Ich fühlte mich gefangen in der Situation; in der Situation, in die ich mich zuvor aus verschiedenen Gründen selbst gebracht hatte; eine Situation, aus der es scheinbar kein Entrinnen gab – und genau wie die beiden Frösche strampelte ich, ich strampelte Tag für Tag, Stunde um Stunde, ich strampelte und strampelte. Ich strampelte mit der ständigen Gefahr vor Augen zu ertrinken, mit der ständigen Gefahr unterzugehen, es nicht zu schaffen, es dem ersten Frosch gleich zu tun. Aber ich wollte nicht aufgeben! Ich wollte der zweite Frosch sein! Ich wollte die Milch zu Butter machen!
Doch umso länger der Kampf dauerte, umso größer wurde meine Verzweiflung, umso stärker wurde die grausamen Gewissheit, dass mich irgendwann – bald – die Kräfte verlassen würden, dass ich den Kampf nicht mehr lange durchhalten würde. Und in mir wuchs die schreckliche Ahnung, dass das da gar keine Milchkanne, dass das unter mir gar keine Milch war, dass ich niemals die Chance hatte durch mein Strampeln Sahne, geschweige denn Butter zu erzeuge; die schreckliche Ahnung, dass mein Untergang unausweichlich sein würde. Von unten gähnte das schwarze Loch der Depression, nur darauf wartend, dass ich den Kampf aufgeben würde, dass ich einsehen würde, dass all mein Bemühen, all die Anstrengungen umsonst waren.

Und dann war da die Essstörung.
Trieb die ganze Zeit neben mir wie ein verwaistes Stück Holz, verlockend, mir wortlos Hilfe anbietend, wie ein Rettungsboot, an das ich mich zwischendurch klammern konnte, wenn mich die Kräfte zu verlassen drohten.
Und ich nahm die Hilfe an, häufiger als es mir lieb war, häufiger als es gut war – für mich, meine Seele, meinen Weg zu mir selbst. Ich griff nach dem Holzstück, weil ich keine andere Möglichkeit sah, weil ich die kleinen Auszeiten brauchte, die kleinen Ruhepausen; ich brauchte sie um Kraft zu tanken, Kraft zu tanken für einen neuen Versuch, ich brauchte sie um nicht aufgeben zu müssen. Aber ich griff danach in dem schrecklichen Wissen, dass jede noch so kleine Ruhepause meinen Misthaufen wieder aufs Neue anwachsen ließ.

Doch – WORUM kämpfte ich eigentlich? WAS versuchte ich durch den Kampf zu erreichen?
WAS war das Ziel?
Das Ziel war Kontrolle. Ich wollte endlich die Kontrolle über mein Leben, über meine Zukunft, mein Glück. Ich wollte so sehr, dass endlich alles gut wird, dass endlich alles gut wird für mich und meine Seele. Ich wollte die volle Kontrolle – aus Angst vor einem ungewollten Ende dieser Reise, aus Angst, dass alles ganz anders laufen wird, aus Angst vor der ungewissen Zukunft.
Und umso mehr meine Kräfte schwanden, aufgezehrt durch den andauernden Kampf, umso verzweifelter ich wurde, umso größer wurde die Angst – und umso mehr brauchte ich das Gefühl der Kontrolle, umso mehr brauchte ich das Gefühl, wenigstens mein Essverhalten, wenigstens mein Hungergefühl, wenigstens meinen Körper zu kontrollieren. Ein schrecklicher Teufelskreis

Doch dann kam der rettende Impuls, die richtigen Worte zur richtigen Zeit, die richtigen Worte, die von einem Moment auf den anderen alles veränderten, die Worte, die plötzlich das Puzzleteil lieferten, das mir die ganze Zeit gefehlt hatte. Plötzlich begriff ich wo der „Fehler“ lag.
Ich kämpfte mit aller Kraft, ich kämpfte um mein Glück, ich kämpfte um meine Zukunft, ich kämpfte um Leben und Tod – ich KÄMPFTE!
Doch –

Krieg ist durch Krieg nicht zu beenden.
Krieg ist nur dadurch zu beenden, dass man den Krieg beendet

Dieser Satz öffnete mir die Augen. Ich würde im Außen niemals finden, wonach ich in Wirklichkeit suchte. Würde durch Kontrolle und Kampf niemals erreichen, wonach meine Seele in Wahrheit hungert


innere Ruhe, Stille, Frieden
mit mir selbst.

Ein nach außen gerichteter Geist verspürt immer Sehnsucht. Ein nach innen gerichteter Geist findet Ruhe und Stille.

— Deng Ming-Dao

Plötzlich war mir klar, dass es nur EINE Möglichkeit gibt.
Die einzige Möglichkeit ist, die Waffen nieder zu legen, den Kampf zu beenden; die einzige Möglichkeit ist, Frieden zu schließen, Frieden zu schließen mit mir selbst, meiner Seele, meinem Körper, Frieden zu schließen mit dem Leben, Frieden zu schließen mit der Welt.
Und in dem Moment als ich endlich begriff, in dem Moment, als ich ruhig wurde, als ich in Verbindung mit mir selbst trat, in dem Moment konnte ich spüren, dass ich die Lösung die ganze Zeit gewusst hatte, dass die Lösung die ganze Zeit in mir war. In dem Moment konnte ich eine leise Stimme in mir hören, die die ganze Zeit versucht hatte zu mir durchzudringen, die die ganze Zeit flüsterte:

"Hab Vertrauen. Hab Vertrauen und ich verspreche Dir, Du wirst nicht untergehen. Hab Vertrauen und ich verspreche Dir, das Wasser wird Dich tragen, ich verspreche Dir, Du wirst schweben, DU WIRST SCHWEBEN!"

Und der kleine Frosch nahm all seinen Mut zusammen und stellte den Überlebenskampf ein.
Der kleine Frosch legte sich ganz ruhig hin, ließ los und schloss Frieden – und ja –
er kann schweben. Er kann sich treiben lassen, ganz flach auf dem Wasser liegend, den Blick zum Himmel gerichtet.

Angst klopfte an die Tür, Vertrauen öffnete. Niemand war draußen.

— Anonym

Ich habe mich entschieden endlich zu vertrauen; zu vertrauen, dass alles im Leben richtig ist, dass sich alles fügen wird, dass alles einen Sinn hat; zu vertrauen, dass das Leben FÜR mich ist.
Ich habe mich entschieden endlich auf mich selbst zu vertrauen, auf mich und meine innere Stärke, zu vertrauen auf meine Fähigkeit zu wachsen, auf meine Fähigkeit Probleme als Geschenk zu sehen, als Handlungsaufforderung, nicht mehr; zu vertrauen auf mich und meine Entscheidung, meine Entscheidung gegen die Angst und für die Liebe.

Wie ist das bei Dir?
Fühlst auch Du Dich manchmal rastlos, wie getrieben? Getrieben auf der Suche nach den perfekten Umständen, dem perfekten Job, dem perfekten Partner, dem perfekten Leben? Dem Leben, das Dich glücklich macht, dem Leben, das Dich erfüllt, das Dich endlich zur Ruhe kommen lässt?
Fühlst auch Du Dich manchmal wie der kleine Frosch, der kleine Frosch, der strampelt und strampelt, der Tag für Tag kämpft, aber es entsteht einfach keine Butter, es entsteht einfach kein Boden unter Deinen Füßen?
Versuchst auch Du, krampfhaft alles zu kontrollieren? Dein nächstes Meeting, Dein Gespräch mit dem Chef, Deinen Partner, Deinen Körper, Deine Zukunft, Dein Glück?

In Wahrheit können wir überhaupt nichts kontrollieren, wir können einige Weichen stellen, aber unter Kontrolle ist nichts, nicht die kleinste Kleinigkeit; nicht mal, ob der sorgfältig nach dem neuesten Rezept der angesagtesten Foodbloggerin zubereitete Chiapudding am Morgen nicht vielleicht verschimmelt ist…
Und trotzdem versuchen wir die ganze Zeit krampfhaft alles um uns herum, die Welt, unser Leben, unsere Zukunft zu kontrollieren – und befinden uns dadurch permanent im Krieg, permanent im Kampf, permanent im Stress. Unser Körper schüttet ständig Kampfhormone aus, ist ständig unter Hochspannung, kommt niemals zur Ruhe. Wir bekommen Kopfschmerzen, Verspannungen, Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Schlafstörungen, Depressionen, Essstörungen…

Doch die Lösung liegt niemals im Außen, die Lösung liegt immer IN DIR.
Die Lösung liegt in Deiner Einstellung, Deiner Geisteshaltung, deinem innersten Gefühl; sie liegt in diesem EINEN Gefühl, einem Gefühl aus dem Innersten Deiner Seele, einem Gefühl, das bei Vielen sehr flüchtig ist, das im Alltag leider schnell verschüttet wird, zu dem Viele immer wieder mühsam Verbindung aufbauen müssen, einem Gefühl, das aber zum Glück in jedem Einzelnen von uns steckt, von Geburt an, mal mehr, mal weniger ausgeprägt –

das wunderbare, erfüllende Gefühl des
Vertrauens.

Vertrauen ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

— Václav Havel

Links in diesem Beitrag:
Zu den Blogbeiträgen: Der Mist des Lebens, Das Geschenk der Essstörung, Warum willst Du krank sein?
Zur Kurzfassung der Fabel von Aesop Die zwei Frösche im Milchkrug
Ein wunderschön illustriertes Kinderbuch mit Fabeln: Die schönsten Tierfabeln für Kinder
Das Zitat über das Ende des Krieges stammt (von mir frei nacherzählt) aus der Podcastfolge von Laura Seiler Inneren Frieden Finden

2 Kommentare
19 Likes
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Kommentare

  • Stephi

    26. Juli 2018 at 11:42
    Antwort

    Danke für den wunderschönen Beitrag! Einfach hervorragend! Ich mag den Beitrag total gern. Vertrauen ist so wichtig. Deine Seite ist echt klasse, gefällt mir echt richtig […] WeiterlesenDanke für den wunderschönen Beitrag! Einfach hervorragend! Ich mag den Beitrag total gern. Vertrauen ist so wichtig. Deine Seite ist echt klasse, gefällt mir echt richtig gut! Danke dafür Text verkleinern

    • Anna
      zu Stephi

      29. Juli 2018 at 8:16
      Antwort

      Liebe Stephi, ich Danke Dir für die liebe Rückmeldung!
      Ja, Vertrauen ist wichtig und etwas ganz wunderbares, entlastendes, erleichterndes...

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