Warum willst Du krank sein?
Oder: Warum Du nicht am Kopf kratzen solltest,
wenn es am Hintern juckt

Da stand er nun also – groß, mächtig und wahnsinnig furchteinflößend:
Der Entschluss loszugehen.
Loszugehen für mich, mein Leben, mein Glück, loszugehen auf eine Reise zu mir selbst, loszugehen mit dem Ziel mein Leben FÜR MICH zu verändern, mit dem Ziel meine Seele zu heilen, mit dem Ziel die Krankheiten endgültig hinter mir zu lassen.

Die ersten beiden Kröten waren geschluckt.
Ich hatte eingesehen, dass es mir im Innersten nicht gut ging, dass ich dabei war mich selbst zu zerstören, meine Seele, meinen Körper, mein Leben. Einfach weil das so mühevoll, so akribisch aufgebaute Bilderbuchleben nicht MEINES war, weil es nicht zu mir passte, nicht meinem Charakter, nicht meinen Wünschen und Sehnsüchten entsprach. Ich konnte die Krankheit plötzlich als Geschenk sehen, konnte erkennen, dass sie nichts anderes war als ein Zeichen, ein verzweifelter Hilfeschrei meiner Seele. (Genauer nachlesen kannst Du diesen Schritt meiner Reise unter Das Geschenk der Essstörung).
Ich hatte eingesehen, dass ICH die einzige Person war, die an dieser Situation etwas grundlegend ändern kann. Keine Ärzte, keine Therapeuten, keine Klinik, kein Familienmitglied, kein Freund kann mir das Handeln abnehmen. ICH muss für MICH losgehen! Ich musste das gemütliche Nest des Jammertals, der Opferrolle verlassen. Ich musste aufhören, den Mist meines Lebens jeden Tag einzustecken, ihn ständig mit mir rumzutragen und ihn dadurch Tag für Tag ein bisschen größer zu machen. (Diese Metapher und die Bedeutung dahinter beschreibe ich im Beitrag Der Mist des Lebens ausführlicher)

Als ob er mir hinterrücks noch Eines mitgeben wollen würde, schreibt Ajahn Brahm an anderer Stelle in seinem Buch Die Kuh, die weinte sinngemäß:

Äußeren Umständen, dem Schicksal oder anderen Menschen die Schuld an etwas zu geben, ist wie sich am Kopf zu kratzen, wenn es am Hintern juckt.

Über diesen Seelenstupser musste ich erstmal laut lachen, dann aber ehrlich gesagt einige Zeit nachdenken, bis ich seine innere Wahrheit erkannte: Irgendetwas in Deinem Leben ist schief gelaufen, etwas Unvorhergesehenes passiert, Du hast einen Fehler gemacht, eine vermeintlich falsche Entscheidung getroffen, da ist also plötzlich etwas Nerviges, Unangenehmes, es „juckt“ irgendwo – Du fühlst Dich schlecht und Du reagierst. Du versuchst reflexartig die Ursache des schlechten Gefühls zu beseitigen, Du „kratzt“ Dich. Doch dabei schaust Du auf die falsche Stelle, lenkst Deine Energie, Deine Aktion in die falsche Richtung, indem Du die Schuld im Außen suchst. Dadurch wirst Du aber das Gefühl nicht beseitigen können, geschweige denn die echte Ursache des Übels, den Ursprung des Fehlers entdecken –
Du kommst dadurch also keinen Schritt weiter, es wird Dich weiterhin „am Hintern jucken“

BÄHM – nächster Schlag der Erkenntnis!

Ich habe ja ganz rational gesehen gar nichts und niemanden, dem ich „gerechtfertigt“ die Schuld an meiner Situation geben kann! Es gab schließlich keinen schweren Schicksalsschlag, kein schreckliches, nicht beeinflussbares Ereignis wie den Tod eines lieben Menschen, eine Naturkatastrophe, einen Unfall. Mir wurde nicht von IRGENDWEM eine Karre voll Mist vor die Türe gekippt – nein, ICH selbst hatte die Lieferung bestellt! Ich selbst habe all die Entscheidungen in meinem Leben getroffen, die mich hierhin gebracht haben. Ich selbst habe mich dafür entschieden unglücklich zu sein, ich selbst bin in das Hamsterrad aus Leistung und Anerkennung eingestiegen, ich selbst wollte die „große Karriere“. Ich selbst dachte, meinem Leben durch äußere Attribute, durch einen angesehenen Job, eine tolle Wohnung, ein Leben aus dem Bilderbuch Wert geben zu können – und zu müssen. Genauso wie ich selbst irgendwann entschieden habe immer weniger zu essen, entschieden habe exzessiv Sport zu machen, entschieden habe meinem Körper zu schaden, ihn zu zerstören – und meine leidende Seele gleich mit…

Okay, noch eine Einsicht, noch eine schmerzhafte Wahrheit, die es nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen, mit meiner Seele anzunehmen galt – naja, darin war ich inzwischen ja schon geübt…
In meinem Kopf startete sofort das Karusell destruktiver Gedanken:
„Warum? Warum triffst DU eigentlich immer die falschen Entscheidungen? Wie kann man nur so doof sein, sich ohne erkennbaren Grund in eine solche Lage zu bringen? Was ist mit Dir, mit Deiner Entwicklung eigentlich schief gelaufen? Wieso kriegen alle anderen Menschen ihr Leben so super auf die Reihe –
NUR DU NICHT?“

Okay – STOP!!!

Solche Gedanken führen zu nichts, ziehen nur zusätzlich runter, rauben mir Energie, entfernen mich geistig und emotional nur noch weiter von einer möglichen Lösung. Also wählte ich eine liebevollere, lebensbe-ja-ende Herangehensweise und fragte mich nicht mehr „warum?“ sondern „wozu?“.
Wozu hatte ich diesen Weg gewählt? Was war meine Intention dahinter? Was waren meine Gründe und Motive? Nur wenn ich mich selbst, meine inneren Antriebe, meine Bedürfnisse, meine Absichten verstehen kann, kann ich verhindern, dass aus der Bestellung des Misthaufens ein Abo wird. Nur so kann ich verhindern, dass ich mein ganzes Leben mit Schaufeln verbringe, Schubkarre für Schubkarre Mist hinters Haus fahre, während gleichzeitig permanent Dung nachgeliefert wird.

In Bezug auf meinen Lebensweg waren diese Fragen relativ leicht zu beantworten, aber WOZU bitte eine psychische Erkrankung? Ich tat das ja alles nicht weil es so schön war, ich tat es ja nicht, weil ich es liebe zu leiden! Kein Mensch entscheidet sich freiwillig zu leiden! Kein Mensch entscheidet sich zu leiden, wenn nicht sein Innerstes, seine Seele, sein Herz sich nicht irgendetwas davon verspricht. Der Mensch tut NICHTS ohne ein Motiv, ohne einen Grund. Und wenn ein Mensch dafür sorgt, dass es ihm schlecht geht, wenn er sich entscheidet unglücklich zu sein, körperlich und/oder seelisch krank zu werden – dann MUSS dieses Motiv sehr stark sein!

Wissenschaftlich gesehen (ja, ich bin und bleibe tief im Innersten ein kleiner Wissenschaftler ;-)), hat der Mensch zwei große Antriebskräfte: Schmerzvermeidung und Lustgewinn. Und denkt man mal genauer darüber nach, ist man mal ganz ehrlich zu sich selbst, dann bedient auch jede Art der Erkrankung mindestens eines dieser Ziele, meistens sogar beide – so auch bei mir…

Eine Krankheit gibt Dir die Möglichkeit, Dich zurückzuziehen, Dich eine zeitlang für andere Menschen quasi unsichtbar zu machen, komplett aus dem Leben auszusteigen, Dich mal richtig auszuruhen, Dich mal nur um Dich selbst zu kümmern. Eine Krankheit macht Dich schwach und schützt Dich dadurch vor den Ansprüchen anderer Menschen, vor den Ansprüchen unserer Gesellschaft, vor den Ansprüchen des täglichen Lebens. Eine Krankheit bringt Dir Aufmerksamkeit, bringt Dir die Sorgen anderer Menschen, bringt Dir Mit-Leid im besten Sinne. Eine Krankheit gibt Dir aber auch innere Stärke, zeigt Dir Deine eigene Leidensfähigkeit. Eine Krankheit füllt Deine Zeit, übertüncht, dass Du nichts mit Dir und Deinem Leben anzufangen weißt, übertüncht Einsamkeit, gibt Dir eine Beschäftigung, eine Art Sinn. Eine Krankheit unterdrückt negative Gefühle, liefert Dir eine gute Ausrede für nicht erfüllte Träume, nicht gewonnene oder nicht ausgefochtene Kämpfe. Eine Krankheit liefert eine Entschuldigung für gefühlte Schwäche, für mangelndes Selbstwertgefühl, für Selbsthass, für ein Leben in der Opferrolle. Oder oft auch einfach für das Absagen einer unangenehmen Einladung, eines unpassenden Termins, einer anstrengenden Verabredung. Manchmal gibt eine Krankheit aber auch Halt, gibt ein Gefühl der Kontrolle, ist ein Leitfaden in einer Welt, die immer unüberschaubarer wird. Manchmal ist sie ein Rettungsanker in einer immer schneller werdenden Welt, in der wir kaum noch Schritt halten können…

Eine Krankheit kann unglaublich viele Funktionen erfüllen – und ich bin überzeugt davon, JEDE Krankheit hat eine Funktion. Selbst der kleine grippale Infekt, die kleine Erkältung, die Dich „erwischt“, Dich „flach legt“ und „ans Bett fesselt“ – ganz so als könntest Du überhaupt nichts dafür. Doch wenn Du ehrlich bist – hast Du selbst in diesem Fall nicht zumindest Deinen Teil zur Situation beigetragen? Hast Du Deinen Körper nicht vielleicht überfordert, bist Du nicht vielleicht über Deine Grenzen hinausgegangen? Hast Du nicht vielleicht dafür gesorgt, dass Dein Immunsystem geschwächt wurde? Durch zu viel Stress, durch zu wenig frische Luft, zu wenig Bewegung, zu wenig Entspannung, zu wenig Freude und Glück? Ist nicht jede Erkältung, wenn auch keine willkommene, so doch zumindest eine oft dringend nötige Gelegenheit mal wieder etwas runter zu fahren, kürzer zu treten, auszuruhen? Eine Gelegenheit, Dir und Deinem Körper etwas Gutes zu tun? Dich eine zeitlang nur um Dich selbst zu kümmern ohne dafür von anderen Menschen komisch angeschaut zu werden? Ohne Dich lange rechtfertigen zu müssen?

Jede Krankheit ist auch eine Botschaft – eine Botschaft Deines Körpers oder Deiner Seele. Diese Botschaft zu ignorieren, bringt dich nicht weiter. Ignorierst Du sie, weigerst Du Dich zuzuhören, nimmst Du sie nicht als willkommenen Zeichen, gehst Du dem Zweck, Deinen eigenen Motiven hinter der Krankheit nicht auf dem Grund, wirst Du nicht dauerhaft gesund werden, die Krankheit nicht besiegen – und sie kommt irgendwann zurück, meist stärker und mächtiger als zuvor.
Das Leben ist geduldig – es schickt Dir seine Lektionen immer wieder und wieder, so oft bis Du sie irgendwann gelernt hast. –
Lerne sie lieber, solange sie noch in kleinen gut zu verkraftenden Portionen wie einer Erkältung kommen…

Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.

— Christian Morgenstern

Ich habe die Botschaften meiner Seele zu lange ignoriert, sie falsch gedeutet, weil ich die wahre Bedeutung nicht sehen wollte oder konnte. Doch jetzt bin ich bereit. Mit dem Wissen, dass der Misthaufen nicht von irgendwoher kam, nicht vom Schicksal geschickt, sondern hausgemacht und von mir selbst bestellt, habe ich angefangen, den Haufen abzutragen. Doch ich schaufel nicht einfach schicksalsergeben, sondern sehe genau hin, betrachte jede einzelne Portion Mist mit großer Sorgfalt und großem Interesse. Ich versuche herauszufinden, wo ihr Ursprung war und was sie mir sagen will. Welche Funktionen erfüllt der Mist in meinem Leben? Welche „Vorteile“ hatte oder habe ich auch jetzt noch davon? Für jeden einzelnen Aspekt, jede einzelne Schaufel habe ich einen Ersatz, einen Ausgleich gesucht. Habe meiner Seele liebevoll gezeigt, dass ich ihre Motive verstehe, habe sie mühsam Stück für Stück davon überzeugt, warum sie und ich diesen Mist nicht mehr brauchen.
Und tatsächlich – ich konnte den Mist langsam aber sicher gehen lassen, Schaufel für Schaufel, Schubkarre für Schubkarre. Vielleicht bestelle ich irgendwann in meinem Leben wieder Nachschub, wer weiß das schon?
Nur dann bin ich sicher, ich, mein Körper, meine Seele, hatte einen Grund…
Dir anzusehen, welche Motive Du für eine Krankheit hast, ist der einzige Weg, sie für immer hinter Dir zu lassen. Das gilt in meinen Augen im Großen wie im Kleinen…

Jede Krankheit ist eine Reinigung, man muss nur rausbekommen, wovon.

— Christian Morgenstern



Links in diesem Beitrag:
Zum Blogbeitrag: Das Geschenk der Essstörung
Zum Blogbeitrag: Der Mist des Lebens
Zu meiner Rezension von: Die Kuh die weinte
Direkt zum Buch von Ajahn Brahm: Die Kuh, die weinte

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